Simonas Kaffeeblog

Simona Meiler, Schweizer Snowboardcross Fahrerin

Vom Snowboardprofi zum Kaffeeprofi in spe

Die Liebe zum Kaffee war die Grundlage für die rund zweijährige Partnerschaft zwischen der Kaffeezentrale und mir. Auf meinem Weg an die Olympischen Spiele 2018 habe ich als kaffeeliebende Snowboardcross Fahrerin regelmässig aus meiner Spitzensportwelt berichtet. Mittlerweile bin ich vom Spitzensport zurückgetreten. Die Liebe zum Kaffee blieb bestehen. Die Partnerschaft mit der Kaffeezentrale genauso. Weiterhin zücke ich die Schreibfeder für die Kaffeezentrale. Jedoch nicht mehr als Snowboardprofi sondern als angehende Kaffeeexpertin. Für die erste Geschichte in diesem Format knüpfe ich an dem Ort an, wo meine Snowboardkarriere ihr Ende nahm. Ich kehre in die Kaffeeszene von Südkorea zurück.

Weltweit auf der Suche nach gutem Kaffee

Erster Eindruck der Kaffeeszene in Seoul

Es ist bitterkalt draussen. Der eisige Wind betäubt meinen Nasenspitz und macht nicht einmal vor meinem dicken Daunenmantel halt. Auf dem Rückweg zu meinem Hotel im Trendquartier Itaewon in Seoul entdecke ich ein Schild: «5extracts». Klingt nach einem Café. Ich flüchte vor der Kälte und trete spontan ein. «Hello», melde ich mich leicht krächzend an. Die Kälte scheint sogar auf meine Stimmbänder geschlagen zu haben. Die hellen, weissen Wände und die minimalistische Einrichtung wirken einladend. Hinter dem Tresen, bestehend aus gelben USM Modulen, steht Hyun-sun Choi. Beinahe versteckt durch sein modernes Kaffeeequipment aus Edelstahl und Glas hält er sich im Hintergrund. «Welcome», erwidert er.

Weltweit auf der Suche nach gutem Kaffee

«Einen Flat White, bitte», bestelle ich und suche mir einen Platz. Den roten Swiss Olympic Daunenmantel behalte ich ein paar weitere Minuten über meinen Schultern. «Enjoy», Hyun-sun Choi stellt meinen Flat White und ein Glas Wasser vor mir auf das hübsche Designer-Tischchen und lächelt flüchtig. Der Kaffee schmeckt gut. Beinahe überrascht von der Qualität sehe ich mich genauer im Café um. In einer Ecke entdecke ich einige Trophäen. Koreanische Barista Meisterschaften 2010, 1. Platz. Barista Weltmeisterschaften 2011, 7. Platz. Der zurückhaltende Barista ist buchstäblich ein Meister seines Fachs.

Weltweit auf der Suche nach gutem Kaffee

Mit neuer Mission zurück nach Seoul

Diese erste Begegnung mit Hyun-sun Choi fand während den Olympischen Spiele im Februar 2018 statt. Für diese kurze Zeit war ich Stammkundin im 5extracts. Damals war ich als Snowboarderin auf Mission in Südkorea. An meinen wettkampf- und trainingsfreien Tagen in Seoul besuchte ich diverse Cafés und entdeckte die lokale Kaffeeszene. Mittlerweile bin ich vom Spitzensport zurückgetreten. Die florierende Kaffeekultur in Seoul behielt ich aber in lebhafter Erinnerung und entschied mich, meinen Eindruck der koreanischen Kaffeewelt zu vertiefen. Hyun-sun Choi hat mir in einem Interview einen Einblick in seine Welt gewährt.

Weltweit auf der Suche nach gutem Kaffee

Ästhetik kommt vor Geschmack

Unter dem Schlagwort «Specialty Coffee» wird in einer wachsenden Anzahl Cafés ein moderner Lifestyle verkauft und gelebt. Die Koreaner mögen grosse Räume und entsprechend wachsen die Lokale mit der zunehmenden Nachfrage in die Höhe. Zwei- oder dreistöckige Cafés sind an der Tagesordnung. Dabei ist die Innenarchitektur oft wichtiger als der Geschmack in der Tasse. «Aber es wird besser», ergänzt Hyun-sun. «Der koreanische Kaffeekonsum hat sich seit den 90er Jahren stark entwickelt. Damals beherrschte Instantkaffee den Markt. Heute vermischen sich Einflüsse aus Amerika, Australien, Japan und Osteuropa und prägen die koreanischen Vorlieben.»

Weltweit auf der Suche nach gutem Kaffee

Balance als Massstab

«Wo ist dein Ursprung in der Kaffeeindustrie?» frage ich den Meisterbarista. «Ich lebte siebe Jahre in Australien und habe dort viel Zeit in lokalen Cafés verbracht. Das Interesse für Kaffee habe ich mit nach Seoul genommen und ein eigenes Café eröffnet.» «Was fasziniert dich am Kaffee?», hake ich nach. «Die Variabilität von Kaffee. Kaffee verändert sich; jedes Mal, wenn ich Kaffee röste, mahle, zubereite ist das Resultat verschieden.» Der Name 5extracts kommt nicht von ungefähr. Hyun-sun macht es sich zur Aufgabe, aus jeder Bohne die er röstet, die «5 Extrakte» herauszuholen. «Süsse, Säure, Körper, Bitterkeit und Aromen.» über alles stellt er die Balance. «Mein Röststil ist ausgewogen. Zu viel Säure oder Bitterkeit mag ich nicht.»

Weltweit auf der Suche nach gutem Kaffee

«Wie trinkst du deinen Kaffee am liebsten?», nimmt es mich Wunder. «Als Espresso mit Zucker.» «Zucker?», frage ich erstaunt. Richtig zubereiteter Kaffee hat eine natürliche Süsse und macht Zucker überflüssig. In der Schweizer Specialty Coffee Szene ist Saccharose höchst verpönt. «Der Zucker verstärkt die Süsse, Körper, Aromen und Mundgefühl* des Kaffees», erklärt Hyun-sun. «Spannend», finde ich, «andere Länder, andere Sitten.»

Technologie und Innovation in Zukunft

«Wie siehst du die Zukunft der koreanischen Kaffeeszene?», wechsle ich das Thema. «Wir streben auf einen gesättigten Markt zu», beschreibt Hyun-sun die aktuelle Lage in der Gastronomie. «Die Industrie wird sich zunehmend auf die Haushalte fokussieren.»

Während Hyun-sun sein Handwerk in Australien lernte, gibt es heute im ganze Land Akademien, die Ausbildungen in den Bereichen Barista, Rösten, Latte Art und Kaffee verkosten anbieten.

Die Koreaner haben einen ausgeprägten Sinn für ästhetik. Während meines Koreaaufenthalts habe ich stets perfekte Latte Art serviert bekommen. Ihr Zugang zu Kaffee ist wissenschaftlich und weniger künstlerisch. Sie tüfteln, experimentieren, gehen akribisch ins Detail. Sie sind Tech-Nerds und zelebrieren Innovation. Kaffee scheint dafür Mittel zum Zweck zu sein. Die ersten Kaffeeroboter sind bereits im Dienst. In Seoul wird die Attraktivität von Immobilien mit einem Café im Erdgeschoss aufgewertet. Der Kaffeegenuss wird als soziale Aktivität gefeiert, stets begleitet vom Verzehr sorgfältig dekorierten Gebäcks. Gleichzeitig blüht die Specialty Coffee Szene voll auf. Koreaner reissen sich an der Kaffeebörse ganze Kaffeeernten unter den Nagel. Sicher ist, Kaffee ist in Korea voll im Trend.

Vorschau: Kaffee statt Opium

Im nächsten Blogeintrag dehne ich die Asien Kaffeereise nach Thailand aus. Das südostasiatische Land ist nicht primär für seine Kaffeeproduktion bekannt; auf jeden Fall noch nicht. Ich gehe den Hintergründen auf die Spur.

*Mundgefühl: Mouthfeel (engl.) ähnlich der Textur. Definition = Summe haptischer (taktiler und kinästhetischer), thermischer und nozizeptiver Eindrücke im Mundraum.

Immer Kaffeewärts,
Simona

www.simonameiler.ch →