Simonas Kaffeeblog

Simona Meiler, Schweizer Snowboardcross Fahrerin

Kaffee ist Kunst

In der Szene von Kunst und Specialty Coffee sind die sensorischen Wahrnehmungen und die individuelle Interpretation entscheidend. Im März habe ich in New York Eindrücke aus beiden Welten gewonnen.

Ablenkung und Inspiration im Big Apple

Ein gebrochener Fuss bedeutete das abrupte Ende meiner Wettkampfsaison. Ohne kurzfristiges sportliches Ziel hatte ich im März das Gefühl, zu Hause würde mir die Decke auf den Kopf fallen. Als verletzte Snowboarderin im Winter fühlte ich mich wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ein neues Ziel musste her. Wie könnte ich mich beschäftigen? Die neue Herausforderung war schnell gefunden: Drei Wochen New York. Englischkurs vormittags; Zeit für Yoga, Fitnesstraining, Kunst, Kultur, Kulinarik und Kaffee am Nachmittag.

Zwischen Fast Food und Urban Farming

In New York traf ich auf eine stark vom Konsum getriebene Gesellschaft. Alles musste sofort verfügbar sein. Der Eintritt ins Theater, der gesunde Smoothie voller Superfoods, die neusten Designer Schuhe. An jeder Ecke lockten die berühmten Vertreter aus dem Fast-Food-Segment. Kaffee der Kategorie «First» und «Second Wave Coffee». Schnelllebigkeit war Programm.

Auf der anderen Seite erlebte ich einen Trend in die Gegenrichtung. Der Aufruf zur inneren Einkehr, Nachhaltigkeit und Offenheit. Bioläden, lokal produzierter Schmuck, Honig von New Yorker Bienen, Rüebli vom Hochhausdach. Kaffee aus Mikroröstereien und leidenschaftliche Baristas hinter den Tresen.

Kunst als Raum für Individualität und kollektive Erfahrung

In einer kleinen Galerie im Quartier Chelsea fand ich im Werk des isländisch-dänischen Künstlers Olafur Eliasson die treffende Interpretation meiner Wahrnehmung der New Yorker Gesellschaft.

Eliasson erklärt: «The listening dimension» entstand vor dem Hintergrund der US-Wahlen von 2016. In einer Zeit, in der die Vereinfachung überall ist, glaube ich, dass Kunst eine wichtige Rolle bei der Schaffung ästhetischer Erfahrungen spielen kann, die sowohl offen als auch komplex sind. In der Politik von heute werden wir mit emotionalen Appellen bombardiert, die oft mit vereinfachten, polarisierenden, populistischen Ideen verbunden sind. Kunst und Kultur schaffen dagegen Räume, in denen die Menschen verschiedene Ansichten vertreten und trotzdem zusammen kommen können, wo sie individuelle und kollektive Erfahrungen teilen können, die mehrdeutig und diskutierbar sind. Kunst ist die Ausübung von Demokratie in ihrer besten Form: Sie trainiert unsere kritischen Fähigkeiten für die Wahrnehmung und Interpretation der Welt. Doch die Kunst sagt uns nicht, was zu tun ist, oder wie wir uns zu fühlen haben, sondern ermutigt uns, dies selbst für uns herauszufinden.»

Olafur Eliasson

Die Besucher der Ausstellung werden in die Schaffung der ästhetischen Erfahrungen miteinbezogen. Die Werke sind nur dann ganz sichtbar, wenn sich die Anwesenden in und um die Objekte bewegen. Dabei färbt die jeweilige, ganz persönliche Gemütslage der Besucher deren Wahrnehmung der Werke. Ein kleines Kind blickt aus einem anderen Winkel auf eine Installationen als seine Eltern. Eine bedrückte Person empfindet die wechselnden Farben in Kristallkugeln unterschiedlich wie ein frisch verliebter Teenager. Der Künstler macht so auf die subjektive, individuelle Interpretation der Welt aufmerksam.

Kaffee als Kunstform

Ersetzen wir in Eliassons Beschreibung den Begriff «Kunst» durch «Kaffee» und betrachten die sensorischen Erfahrungen als Ganzes, sprechen wir von Specialty Coffee und dem Berufsfeld von Baristas.

Olafur Eliasson

Übernimmt der Barista die Rolle des Künstlers, die Tasse Kaffee sein Kunstwerk, kann der Besucher beim Betreten des Cafés ähnliche Erfahrungen machen wie in der Kunstausstellung.

Baristas stecken dieselbe Passion in ihre Arbeit wie Künstler. Sie entführen uns in die Welt der Gefühle. Wie der Besucher das Werk, die Tasse Kaffee wahrnimmt und interpretiert, ist völlig offen. Unter Umständen bleibt die Erfahrung simpel: Der Koffeinbedarf wird gedeckt, das Morgenritual abgehandelt. In anderen Fällen entsteht ein Dialog. Komplexe Sinneswahrnehmungen fordern den Kunden. Wieso schmeckt der Kaffee heute süsser? Hängt das mit der Milch zusammen? Den Kaffeebohnen? Dem Wetter? Meiner eigenen süssen Lust am Leben?

Kunst und Kaffee im Alltag

Latte Art

In New York erlebte ich Kunst also nicht nur in Galerien, sondern auch in diversen Cafés, wo Baristas ihre Passion auslebten. Für diese Erfahrung müssen wir nicht zwingend über den grossen Teich fliegen. Wir finden sie überall. Ich lade alle dazu ein, sich bei der nächsten Tasse Kaffee dem kleinen Kunstwerk hinzugeben. Wie schmeckt der Kaffee heute?

Bis bald, immer schneewärts,
Simona

www.simonameiler.ch →

Kaffee ist Kunst

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