Simonas Kaffeeblog

Simona Meiler, Schweizer Snowboardcross Fahrerin

Caffè ≠ Kaffee

Wir alle kennen sie, die Schallmauer, die wir durchbrechen, wenn wir unser Land gegen Süden verlassen. Kaum haben die Carabinieri das Sagen auf der Strasse, gibt es an jeder Ecke Bars, Cafés, Restaurants, die perfekte Espressi servieren. Es ist schwer nachvollziehbar, dass eine künstliche Landesgrenze zu einem so grossen Unterschied in der Tasse führen kann.

«Ecco, il tuo caffè», «Grazie mille, Gian Luca», antworte ich und richte mich auf meinem Barhocker auf. Ich schwenke die Tasse leicht, kippe sie nach vorne, prüfe die Dicke der Crema und stecke meine Nase ins Tässchen: Kräftige Röstaromen, nussig. Der erste Schluck ist ausgewogen, kaum Säure. Haselnussaromen kommen klar zu Geltung, schokoladige Noten sind auch erkennbar. «Was für eine Mischung verwendet ihr?», «San Salvador, geröstet im Veltlin.», Gian Luca stellt einen Sack Bohnen vor mir auf den Tresen, «Die verstehen was vom Rösten. Dunkel, aber nicht verbrannt. Je weiter in den Süden du gehst, umso dunkler die Röstung. Die Süditaliener mögen’s bitter.» «Milano, Venezia, Napoli, Roma, also alles typische Röstungen aus der jeweiligen Region?» «Genau», bestätigt Gian Luca meine Erkenntnis mit einem Schmunzeln.

Auf dem Weg in die Wiege des Espresso

Mit der rechten Hand umklammere ich den Griff meines Boardbags, mit der linken jenen meiner Reisetasche. So schlängle ich mich durch die Passanten im Zürcher HB. Vorbei an Kaffeeständen und Imbissbuden. Auch wenn ich beide Hände frei hätte, würde ich mir die heisse Plörre der Verkaufsstände hier nicht antun. Und schon gar nicht einen horrenden Preis dafür bezahlen. Normalerweise habe ich eine Thermoskanne mit selbst gebrühtem Filterkaffee im Rucksack. Die Aeropress ist zu einer treuen Reisebegleiterin geworden. Für einmal reise ich aber ohne Kaffee und Maschine, denn meine Reise führt in den Süden, Südosten genau gesagt. Mit dem IC nach Landquart, umsteigen in die RhB bis Zernez. Von da aus gehts im Team Bus weiter bis in die äusserste Ecke des Val Müstair und dann den Umbrailpass hoch zum Stelvio, in Italien, der Wiege des Espresso.

Mit oder ohne Zucker?

Erst jetzt fällt mir auf, dass mir Gian Luca meinen Caffè ganz ohne Schnickschnack serviert hat. Kein Unterteller, kein Löffel, kein Zucker und schon gar kein Rähmli. «Fehlt etwas?», Gian Luca bemerkt mein überraschung, «Möchtest du einen Grappa zum Espresso?». Ich lehne dankend ab: «Der Espresso ist perfekt. Du servierst ihn perfekt. Ein ausgewogener Espresso braucht keine zusätzliche Süsse.» «Richtig», bestätigt Gian Luca. «Ausser vielleicht im Süden, wenn der Espresso allzu bitter ist. Aber dann könnte ich dir auch etwas Milch erhitzen. Deren Milchzucker karamellisiert bei rund 65 Grad, und mit dem bitteren Espresso gemischt kommen die schokoladigen Noten des Kaffees herrlich zum Vorschein.» «Wofür steht dann der Zuckerbehälter mit dem langstieligen Löffel auf dem Tresen?» frage ich nach. «Hier, versuch selber.» Gian Luca stellt mir einen zweiten Espresso vor die Nase. «Lass wenig Zucker auf die Crema rieseln. Und dann warten. Bloss nicht mit dem Löffel umrühren, das kühlt bloss den Espresso ab.» Ich beobachte wie der Zucker schmilzt und durch die Crema absinkt. «Und?» fragt Gian Luca ungeduldig. «Wow, was für ein Geschmackserlebnis! Oben bitter, unten süss. Und das im gleichen Schluck!»

Italienische Frühstückskultur

Mein Blick schweift über das Buffet: Weissbrot, Schinken, Käse, Cornflakes, überzuckertes Fruchtjoghurt, Nutella, Konfitüre, Butter, Cornetti und Bananen. Nicht gerade das optimale Sportlerfrühstück. Für einen Tag auf dem Gletscher hätte ich mir mehr Proteine und Vollkornprodukte, dafür weniger Zucker und Fett gewünscht. Die Italiener haben eine ganz andere Frühstückskultur als wir. Sie trinken ihren Caffè espresso oder Cappuccino meist stehend, auf dem Weg zur Arbeit. Dazu gibts eine Brioche oder ein anderes Süssgebäck. Irgendwie verständlich. Nach einem üppigen, späten Nachtessen hätte auch ich keinen Bedarf für ein reichhaltiges Frühstück. Meiner Mission, mich vor dem Schneetraining zu stärken, hilft das leider wenig. Ich bediene mich am gut gemeinten Buffet und steuere zielstrebig in Richtung Bar.

Cappuccino, nicht Brühe!

Den Automaten mit Heissgetränken ignoriere ich. Dass dieser überhaupt mit dem Wort Kaffee in Verbindung gebracht wird, ist eine Frechheit. Den meisten Gäste aber scheint er seinen Dienst zu erweisen. Die Jugendlichen des französischen Skiteams nippen genüsslich an ihrer heissen Schokolade, und den meisten anderen Gästen ist der «Cappuccino» recht. Hauptsache Milchschaum.

Die junge Frau an der Bar weist mich zurück an den Automaten. «Il bar è ancora chiuso.» «Un cappuccino per favore.», bestehe ich hartnäckig. Meine paar Brocken Italienisch und ein Kompliment an die italienische Kaffeekultur helfen. Die folgenden Morgen werde ich jeweils herzlich an der Bar begrüsst. Ein paar Worte übers Wetter später steht ein feiner Cappuccino vor mir, und mein Start in den Tag ist geglückt.

Bis bald, immer schneewärts,
Simona

www.simonameiler.ch →

Kaffees aus Süditalien

italienische Kaffees auswählen