Simonas Kaffeeblog

Simona Meiler, Schweizer Snowboardcross Fahrerin

Snowboardprofi trifft Meister Barista

Emi Fukahori ist Barista Schweizer Meisterin 2015. Mit ihr habe ich mich vor kurzem über Wettkämpfe, Leidenschaft, Erfolgsfaktoren und mehr ausgetauscht. Davon handelt der zweite Bericht aus meiner Serie rund um Kaffee und Spitzensport.

Ich mache zwei Schritte ins «Benzin und Koffein» an der Ecke Aemtler-/Gertrudstrasse im Zürcher Kreis 3. Der Laden ist gleich um die Ecke von meiner Wohnung. Die Tür schliesst sich hinter mir. Meine Nase öffnet sich. Hier wird Kaffee gemahlen, zubereitet, getrunken. Emi Fukahori verschliesst gewissenhaft einen Pfundbeutel frisch gerösteter Kaffeebohnen. Dann wendet sie sich mir zu, blickt mir verbindlich in die Augen: «Hallo?», «Emi?», frage ich. Sie nickt und lächelt. «Bei meinem letzten Besuch habe ich von dir gehört. Hast du kurz Zeit für mich? Ich hätte ein paar Fragen an dich, von Schweizermeistern zu Schweizermeisterin. Ich im Snowboarden, du als Barista.» Emi sieht sich kurz um, die übrigen Gäste sind zufrieden. «Ja, klar. Magst du äthiopischen Kaffee? Setz dich doch.» Emi macht sich an der Kaffeemühle zu schaffen, ich wähle einen Sitzplatz aus und bewege mich wieder in Richtung Theke, um der Spezialistin genau auf die Finger zu schauen. Die gebürtige Japanerin blickt kurz auf, «Ich liebe äthiopischen Kaffee! Diese Süsse. Riech mal, beerig, ein bisschen floral.» Ich versuche die Beeren und Blumen zu riechen, Emi ist schon einen Schritt weiter. Auf mich prasseln Gesprächsfetzen von Gästen im Café ein. Durch meinen Kopf schwirren Fragen: Wieso gerade äthiopien? Wie kam Emi, die aus einem Land mit grosser Teekultur stammt, zum Kaffee? Welche Sorte verwendet sie für einen Espresso? Oder mischt sie? Und endlich, mit einiger Verzögerung nehme ich den frisch gemahlenen Kaffee aus dem Becher in meiner Hand wahr: Fein, elegant, frisch, aber floral?

Was der Röster für den Barista, ist der Snowboardbauer für den Sportler

«Zufrieden?» frage ich Emi als sie sich mit zwei Tassen frischen Filterkaffees an den Tisch setzt. Sie nickt entschieden. Ich nehme einen Schluck. «Simone, meine Chefin und Rösterin, ist an meinem Erfolg genauso beteiligt wie ich selber. Sie bereitet mir die Bohnen so vor, dass ich auch ein Spitzenresultat hinbekomme, wenn die Wassertemperatur mal nicht perfekt ist.» Dies erinnert mich an die Verbindung zwischen Hansjürg Kessler, Snowboardbauer, und mir.

Leidenschaft fürs Leben

Während Emi begeistert von ihrer ersten Begegnung mit äthiopischem Kaffee erzählt, verteile ich den delikaten Kaffee in meinem Mund und nehme endlich den blumigen Geschmack war. «Bähm! Liebe auf den ersten Blick!», beschreibt Emi den Beginn ihrer Liebschaft, «äthiopischer Kaffee eignet sich für verschiedene Zubereitungsmethoden. Als Filterkaffee entfaltet er sich hervorragend, ergibt aber auch einen herrlichen Espresso. Ich freue mich heute noch, dass ich damals als Kaffeeanfängerin gleich von Bohnen aus dem Kaffeeursprungsgebiet so in den Bann gezogen wurde.»

Seit sechs Jahren lebt Emi in der Schweiz. Vor rund vier Monaten hat sie den Schritt von Barista aus Leidenschaft zu Profi gemacht. Ich unterbreche Emis Erzählfluss: «Was macht eine top Barista aus?», «Wir sind sensorisch sensibel, offen und permanent auf der Suche.» Mit der Anstellung im Café habe sich ihr Blickwinkel verbreitert. «Durch den Kontakt mit Kunden bin ich offener geworden in meiner Wahrnehmung zum Kaffee.» Ihre eigene Meinung sei nicht mehr die einzig gültige. Der Austausch mit den Gästen sei bereichernd, und sie bekomme von ihnen direkte Rückmeldungen.

«Signature drink» als krönender Abschluss

Jetzt scheint der Zeitpunkt gekommen. Ich will es wissen: «Wie wird man Barista Schweizermeisterin?» Gleich sprudelt es aus Emi hervor. Sie erzählt, schnell, begeistert und springt zwischen den Themen hin und her, ohne den Faden zu verlieren. Sie reisst mich mit, tief in die Baristafachwelt hinein und hilft wenn nötig mit Erklärungen nach. «Wir müssen einen Espresso, Milk beverage und Signature drink zubereiten», beantwortet Emi meine Frage. «Innerhalb von 15 Minutes, je vier Portionen. Für jedes Jurymitglied eine. Begleitet von den Erklärungen zu den Getränken, Wahl des Kaffees und Hintergrundinformationen, ein ganz schöner Druck.» Unter Espresso und Milk beverage kann mir ich etwas vorstellen: kurz und stark. Lang und hell, zum Beispiel Cappuccino oder Latte macchiato. «Aber was ist ein Signature drink?» möchte ich wissen. «Ich mischte äthiopischen Kaffee mit Yuzu, Zuckerwatte und Erdbeersaft on the rocks. Wieso äthiopischer Kaffee ist klar: meine grosse Liebe. Dann sollte meine Heimat mit rein: Der Saft der asiatischen Zitrusfrucht ergänzt mit fruchtiger Säure. Einfacher Zucker als Süssungsmittel wäre zu banal, darum Zuckerwatte. Und dann fehlte noch was. Mit ein wenig Tüfteln fand ich es: Eine selber hergestellte Reduktion aus Erdbeersaft. Das Schwierigste war, in der Schweiz einen zuverlässigen Yuzu-Lieferanten zu finden. Per Zufall stiess ich in der Westschweiz auf einen Bauern, der mir die Früchte lieferte.» «Und wie merkst du, dass dein Drink top ist?» «Die Jurymitglieder sollen mindestens zweimal vom Getränk kosten wollen.»

Für mich sind die Massstäbe in der Kaffeewelt noch etwas undurchsichtig, und ich finde meine Wettkampfform einfacher zu verstehen als die Kür eines Barista Meisters. Im Snowboardcross messen wir uns Frau gegen Frau, ganz direkt. Am Ende des Tages gewinnt, wer als erste die Ziellinie überquert hat.

Permanent auf der Suche

So verschieden unsere Wettkampfformen sind, so viele Gemeinsamkeiten in unserem Dasein als professionelle Barista resp. Snowboarderin entdecken Emi und ich im Laufe unseres Gesprächs. «Begegnungen sind zentral für mich. Und Leidenschaft», betont Emi. Leidenschaft und Freude sind auch meine Treiber. «Der Schweizermeistertitel war ein Türöffner.» Emis Augen leuchten und die Neugier ist ihr ins Gesicht geschrieben. Sie ist permanent auf der Suche, auf Entdeckungsreise nach neuen Gerüchen, Geschmackskombinationen und Begegnungen mit Menschen. Beinahe rastlos und doch sehr präsent sitzt die Barista Meisterin mir gegenüber. «Komm jederzeit wieder vorbei! Ich arbeite normalerweise am Morgen. Bring deine Freunde mit!», lädt Emi ein.

Unter der Tür dreh ich mich noch einmal um «Bis bald, Emi, und danke nochmals!», steige die drei Stufen zum Trottoir hinunter und mache mich auf den Heimweg.

Bis bald, immer schneewärts,
Simona

www.simonameiler.ch →

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